ERINNERN WIR UNS

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Vor 87 Jahren verließ Heinrich Mann für immer Deutschland

 

Am 21. Februar 1933 verließ nach dem erzwungenen Austritt aus der "Akademie der Künste" (15.2.) Heinrich Mann Berlin und am Tag darauf - zu Fuß über die Kehler Rheinbrücke - Deutschland für immer. Den "Weg aus dem Land" hat Heinrich Mann in Ein Zeitalter wird besichtigt eindrucksvoll geschildert:

 

"Auch nahm ich mir die Zeit, meine Arbeiten zu ordnen im Hinblick auf ihre Fortsetzung anderswo. Das Reisegeld war auf der Bank noch erhältlich. Ich sei unter den ersten, hatte man mir gesagt, denen der Paß abgenommen werden sollte. Wahr oder nicht, das Wahrscheinliche ist nicht immer wahr - Boileau könnte seinen Satz auch umkehren. Die tatkräftigsten Willensmenschen werden ihre zahlreichen Sorgen nicht alle gleichzeitig in die Hand nehmen. Das Haus, in dem ich mir unklugerweise eine Wohnung neu eingerichtet hatte, wurde ständig bewacht, gut damit.

Als ich am übernächsten Tage, dem 21. Februar, wirklich abreiste, hätten Gepäck, Wagen und andere Anzeichen des versuchten Entkommens mich ohne weiteres ausgeliefert. Indessen trug ich nichts als einen Regenschirm – meinen letzten; Mr. Chamberlain zu Ehren habe ich mir ihn abgewöhnt. Zu Fuß ging ich nach der Haltestelle der braven, anonymen Straßenbahn. Keine unanständige Eile, den Zug nach Frankfurt zu besteigen! Es ist nur Frankfurt, meine Fahrkarte reicht nicht weiter, wer hat etwas dagegen. Mit meiner liebevollen Frau wandele ich auf und nieder, so viele Minuten noch fehlen. Dank ihrer Geschicklichkeit liegt der Rest meiner Habe glücklich im Netz. Sie möchte sprechen, schluchzt, unterdrückt die Schwäche. Vornehmlich wünscht sie uns ein schnelles Wiedersehen. Wann? Morgen? Vielleicht kehre ich erst übermorgen zurück. So sieht, will es scheinen, der Rubikon aus. Hinter dem verhängnisvollen Fluß, den ich wähle, liegt das Exil.

(...) Übrigens hatte ich mehr Glück als Verstand. Andere sind steckengeblieben, ausgesuchte Qualen waren ihnen vorbehalten. Mir auch, wenn man mich gehabt hätte. Ich erlaubte mir, in Frankfurt zu übernachten, immer unter der Voraussetzung, daß tatkräftige Willensmenschen noch andere Sorgen haben.

Dennoch drangen sie ahnungsvoll alsbald in meine Berliner Wohnung. Da sie mich nicht fanden, verkündigten sie mit Lautsprechern, daß sie mich hätten. So und ähnlich haben sie auch sonst auf Enttäuschungen reagiert. Sie sagen einer wehrlosen Menge, was sie hören soll. Nach ihrer Beobachtung ist dies ein Mittel, die Leute gegen die Wahrheit, bis sie durchdringt, abzustumpfen. Zu der Stunde, als ihre Apparate brüllten, war ich in Straßburg, geschrieben Strasbourg."

 

Der Weg aus dem Land, in: Ein Zeitalter wird besichtigt. Erinnerungen, StE, S. 376f. und 379.

 

Am 25. August 1933 fand Heinrich Mann sich bereits auf der ersten Ausbürgerungsliste des Dritten Reiches mit der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, aber da hatte er schon längst seinen mit den neuen Machthabern abrechnenden Essayband La Haine. Histoire contemporaine d'Allemagne (Paris 1933) abgeschlossen, der auch als Übersetzung des französischen Originals (Der Haß. Deutsche Zeitgeschichte) noch 1933 in Amsterdam erschien. (pps, 21.2.2013)