WAS WIR TUN

WAS WIR TUN

»Was eine Gesellschaft und ein Jahrhundert werden,

weiß die Literatur im voraus, oder niemand weiß es.«

Die Macht des Wortes (1935). In: Es kommt der Tag.

Deutsches Lesebuch (Zürich 1936), StE, S. 187.



Die Heinrich Mann-Gesellschaft wurde am 27. März 1996, dem 125. Geburtstag Heinrich Manns, im Buddenbrookhaus in Lübeck gegründet. Sie ging aus dem Arbeitskreis Heinrich Mann hervor, der sich 1971 aus Anlass des 100. Geburtstages konstituiert hatte. Durch Veranstaltungen und Publikationen fördert die Gesellschaft – wie zuvor der Arbeitskreis - den wissenschaftlichen Austausch über Heinrich Mann und sein Werk. In größeren Abständen finden internationale Tagungen statt, bei denen sich Wissenschaftler aus aller Welt treffen. So stand seit 1971 in sechs großen Symposien das Werk Heinrich Manns unter verschiedenen wissenschaftlichen Fragestellungen im Mittelpunkt. Die Gesellschaft gibt zudem auch jungen Literaturwissenschaftlern auf den jährlichen Jahrestagungen die Möglichkeit, ihre Projekte und Thesen zu Heinrich Mann vorzustellen und zu diskutieren. Der wissenschaftlichen Kommunikation dient ebenso das seit 1983 erscheinende Heinrich Mann-Jahrbuch (vorausgegangen waren seit 1972 die Mitteilungsblätter des Arbeitskreises Heinrich Mann), das nicht nur Beiträge der engeren Forschung zum Autor versammelt, sondern sich als ein Forum zur Literatur der Moderne überhaupt versteht, um in einer weiteren Ausdehnung auch der Kontextforschung zum Werk Heinrich Manns zur Verfügung zu stehen.

Zum Zeitpunkt der Gründung des Arbeitskreises stand die Heinrich Mann-Forschung innerhalb der Germanistik der damaligen Bundesrepublik noch am Beginn, ein Umstand, der in gleichem Maße für die Erforschung der Exilliteratur insgesamt galt. Es gehört zu den großen Versäumnissen der fünfziger und sechziger Jahre, dass diese Literatur, die während der Nazidiktatur den besseren Teil Deutschlands repräsentiert hatte, den allgemeinen Verdrängungsmechanismen im Westen genauso zum Opfer fiel wie die Fragen nach eigener Schuld und Verantwortung. Heinrich Mann war nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik ein nahezu unbekannter Autor, seine Werke erschienen im Westen nicht. Schon im Gründungsjahr der Bundesrepublik ahnte der Autor die kommende Abstinenz der literarischen Öffentlichkeit: „Dem Westen wird keine Gelegenheit [gegeben], einen aus dem Verkehr entfernten Autor wieder kennenzulernen. Er will es auch gar nicht. [...] Ich bin in fünfzig Jahren nicht so völlig übersehen worden.“ (An Karl Lemke, 2. Juli 1949) 

Erst Ende der fünfziger Jahre begann der Claassen-Verlag mit seiner verdienstvollen Ausgabe. Doch der Autor und sein Werk passten kaum in die Restaurationsphase der Adenauer-Ära; der Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft war in dieser Zeit nicht gefragt, allzu sehr hatte seine Analyse des Untertanen durch die deutsche Geschichte wieder Recht bekommen. Hinzu kamen im antikommunistischen Klima des Kalten Krieges pauschale Verdächtigungen, weil der Autor sich für eine vom sozialistischen Humanismus geprägte Gesellschaft eingesetzt hatte und 1950, kurz vor seinem Tode, im Begriff stand, aus dem Exil – bei allen Bedenken - nach Deutschland-Ost zurückzukehren. Die Vereinnahmung des Autors im Osten war ein weiterer Vorwand für eine letztlich immer politisch motivierte Weigerung, den Autor im Westen zur Kenntnis zu nehmen. Das Fehlen von vollständigen und preiswerten Ausgaben auf dem Buchmarkt der Bundesrepublik schlug bis in die wissenschaftliche Rezeption an den Universitäten durch. Kaum ein Seminar zu Heinrich Mann fand in diesen Jahren an einer Universität der Bundesrepublik statt, folglich blieben auch größere Arbeiten zum Autor und seinem Werk aus, erst Mitte der sechziger Jahre – im Vorfeld der 68er Bewegung – entstanden die ersten Dissertationen an bundesdeutschen Universitäten. Der Arbeitskreis Heinrich Mann griff diese Bemühungen auf und versuchte einen permanenten, organisatorisch abgesicherten Kontakt aller an der Heinrich Mann-Forschung Interessierten zu gewährleisten. Darüber hinaus förderte er auch eine Vermittlung des Werkes Heinrich Manns an eine breitere Öffentlichkeit, in dem er den im S. Fischer Verlag entstehenden Ausgaben (Studienausgabe in Einzelbänden im Taschenbuch und die Gesammelten Werke in Einzelbänden im Hardcover) seine ideelle Unterstützung angedeihen ließ.

Ganz in diesem Sinne ist auch die Heinrich Mann-Gesellschaft seit 1986 tätig, indem sie auch Liebhabern und Lesern Heinrich Manns in Vorträgen und Lektürekursen die Möglichkeit zur gemeinsamen Vertiefung des Leseerlebnisses und zum Gespräch mit  Wissenschaftlern bietet. Ihre Mitglieder erhalten kostenlos das im Auftrag der Gesellschaft herausgegebene Heinrich Mann-Jahrbuch und Informationen über Veranstaltungen und Projekte der Gesellschaft sowie des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums im Lübecker Buddenbrookhaus, mit dem ein enge Kooperation besteht. Im Zentrum stehen dabei die Jahrestagungen der Heinrich Mann-Gesellschaft, die das Werk des Autors in seinem lebens- und geistesgeschichtlichen Kontext in multimedialer Vielfalt – mit Vorträgen, Ausstellungen, szenischen Lesungen und Filmen – näherbringen wollen.

Ich lade Sie ein, Mitglied der Heinrich Mann-Gesellschaft zu werden und dadurch einem großen deutschen Dichter Ihre Reverenz zu erweisen, und grüße Sie herzlich.

Dr. Peter-Paul Schneider
Gründungs- und Ehrenpräsident der Heinrich Mann-Gesellschaft